Neues aus Kammer und KV

Wahlprüfsteine zur Wahl des Abgeordnetenhaus

von bvvp Berlin

Im Vorfeld der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 20. September 2026  hat der bvvp Berlin den fünf größten demokratischen Parteien Wahlprüfsteine zu zentralen Fragen der psychotherapeutischen Versorgung und Berufspolitik übermittelt. Mit ihren Antworten möchten wir sichtbar machen, welche Vorhaben und Positionen die Parteien zu den aktuellen Herausforderungen unseres Berufsstandes vertreten.

Drei Parteien haben unsere Fragen beantwortet. Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke teilten uns mit, dass ihnen hierfür keine ausreichenden Kapazitäten zur Verfügung standen. Ihre Positionen können daher in unserem Vergleich nicht berücksichtigt werden. Ergänzend verweisen wir auf die Wahlprüfsteine der Psychotherapeutenkammer Berlin.

Landesebene

KJHG-Psychotherapie ist ein wichtiger Versorgungsbereich, insbesondere für sozial benachteiligte Kinder und Familien. In welcher Weise werden Sie diese psychotherapeutische Versorgung stärken?

CDU

Die Kooperation zwischen Schule, der Kinder- und Jugendhilfe sowie der Jugendsozialarbeit werden wir konsequent weiterentwickeln und stärken. Wir setzen uns dafür ein, dass Prävention und frühe Hilfen ausgebaut werden. Der Zugang zu Leistungen der KJHG-Psychotherapie muss unbürokratisch und bedarfsgerecht gestaltet werden, um gerade sozial benachteiligte Familien bestmöglich und schnell zu unterstützen.

FDP

Kinder und Jugendliche müssen unabhängig vom Einkommen ihrer Eltern und von ihrer sozialen Herkunft rechtzeitig Zugang zu notwendiger psychotherapeutischer Unterstützung erhalten. Das gilt gerade dort, wo gesundheitliche und soziale Hilfebedarfe ineinandergreifen.

Für uns ist deshalb entscheidend, dass Kinder und Familien mit komplexen Unterstützungsbedarfen nicht zwischen Jugendhilfe, Gesundheitsversorgung und weiteren Hilfesystemen verloren gehen. Wir wollen verlässliche Zugänge, fachlich qualifizierte Leistungserbringer und eine bessere Verzahnung der beteiligten Strukturen. Dabei darf die Finanzierung nicht zu einer faktischen Zugangshürde werden. Hochwertige Gesundheitsversorgung muss gut, solide und verlässlich finanziert sein.

Besondere Bedeutung messen wir einer frühzeitigen Unterstützung bei. Schulen sollen in die Lage versetzt werden, multiprofessionelle Teams zu bilden, zu denen ausdrücklich auch Psychologen gehören können. Darüber hinaus setzen wir uns für den Ausbau schulpsychologischer Angebote, eine stärkere Sensibilisierung für psychische Erkrankungen sowie kürzere Wartezeiten auf Therapieplätze ein.

Gerade für sozial benachteiligte Kinder und Familien ist ein niedrigschwelliger Zugang zentral. Deshalb wollen wir gesundheitliche, soziale und pädagogische Hilfen stärker miteinander verzahnen und Schnittstellen so organisieren, dass Verantwortung nicht zwischen verschiedenen Trägern hin- und hergeschoben wird.

SPD

Die SPD Berlin will die Psychotherapie für Kinder und Jugendliche nach dem KJHG ausbauen und wohnortnahe, niedrigschwellige Angebote schaffen. Dafür brauchen Jugendämter ausreichend Personal und eine verlässliche finanzielle Ausstattung. Die Honorare für Therapien nach dem KJHG müssen angepasst werden. Außerdem wollen wir die Finanzierung der Hilfen zur Erziehung so reformieren, dass Bezirke mit besonders hohen Bedarfen nicht benachteiligt werden. Die Zusammenarbeit von Jugendhilfe, Gesundheitsversorgung, Schulen und Kinderarztpraxen soll enger werden. Niedrigschwellige Anlaufstellen für Jugendliche in seelischen Krisen wollen wir ausbauen. Auch den Runden Tisch Kindergesundheit führen wir fort. So verbessern wir den Zugang zu Unterstützung und wirken langen Wartezeiten entgegen.

Wie werden Sie sich dafür einsetzen, dass die Finanzierung der psychotherapeutischen Weiterbildung im institutionellen und (teil-)stationären Bereich in Berlin auf eine verlässliche, strukturelle und langfristig gesicherte Grundlage gestellt wird?

CDU

Eine qualitativ hochwertige und flächendeckende Versorgung erfordert gut ausgebildetes Fachpersonal. Wir setzen uns auf Landes- und Bundesebene dafür ein, dass die Weiterbildung von Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten fair vergütet und strukturell verlässlich finanziert wird. Nur so können wir dem Fachkräftemangel in Kliniken und Institutionen wirksam begegnen und die Versorgungsqualität sichern.

FDP

Die Reform der Psychotherapeutenausbildung darf nicht dazu führen, dass die Weiterbildung zwar berufsrechtlich vorausgesetzt wird, ihre praktische Durchführung aber an ungeklärten Finanzierungszuständigkeiten scheitert. Eine solche Situation wäre weder im Interesse des psychotherapeutischen Nachwuchses noch im Interesse einer langfristig gesicherten Versorgung.

Für uns ist klar: Wer dauerhaft hohe Versorgungsqualität gewährleisten will, muss auch die Qualifizierung des hierfür notwendigen Fachpersonals verlässlich organisieren. Weiterbildung darf deshalb nicht von kurzfristigen Projektmitteln oder jährlich neu auszuhandelnden Finanzierungsentscheidungen abhängen.

Wir halten eine transparente und strukturell tragfähige Finanzierung für erforderlich, bei der gesetzlich übertragene Verantwortung und Finanzierung zusammenpassen. Dabei müssen institutionelle, ambulante und stationäre Weiterbildungsanteile als Teile einer zusammenhängenden Qualifizierung betrachtet werden.

Berlin muss zugleich als Arbeits- und Weiterbildungsstandort für psychotherapeutische Fachkräfte attraktiv bleiben. Gute Qualifizierungsbedingungen, verlässliche Karrierewege und Planungssicherheit sind ein wesentlicher Bestandteil davon. Auf Bundesebene werden wir konstruktive Regelungen unterstützen, die eine dauerhafte Finanzierung ermöglichen und zugleich verhindern, dass neue bürokratische Strukturen zulasten der Patientenversorgung entstehen.

SPD

Die SPD Berlin setzt sich für eine gesetzliche Regelung der Finanzierung der psychotherapeutischen Weiterbildung ein. Diese Entscheidung muss auf Bundesebene getroffen werden. Im Bundesrat und im Austausch mit unseren Bundestagsabgeordneten werden wir darauf drängen, dass diese Regelung umgesetzt wird. Berlin kann zugleich eigene Beiträge leisten. Wir wollen Weiterbildungsstellen im öffentlichen Gesundheitsdienst und in landeseigenen Krankenhäusern schaffen. Dafür sollen das Landeskrankenhausgesetz angepasst und Rahmenvereinbarungen für den öffentlichen Dienst geschlossen werden. Kliniken und Ausbildungsinstitute müssen ausreichend Weiterbildungsplätze anbieten können. Dauerhafte Aufgaben brauchen eine institutionelle und verlässliche Finanzierung statt befristeter Lösungen. Damit sichern wir Fachkräfte und verhindern, dass sich der bestehende Versorgungsengpass weiter verschärft.

 

Wie werden Sie sich für die Prävention psychischer Erkrankungen im Land Berlin einsetzen?

CDU

Wir werden Prävention stärker in den Alltag integrieren und Beratungsangebote. Kinder und Jugendliche stehen heute unter wachsendem sozialem und psychischem Druck. Deshalb schaffen wir ein Landesprogramm für Mental Health und bauen schulpsychologische Angebote aus. Präventionsangebote zu Bewegung, Ernährung und psychischer Gesundheit sollen flächendeckend im Schulalltag verankert werden, um verlässliche Unterstützungsstrukturen für Schülerinnen und Schüler, Lehrkräfte und Familien zu bieten.

FDP

Prävention ist für uns ein zentraler Bestandteil einer guten Gesundheitspolitik. Gute und andauernde Gesundheit beginnt mit bestmöglicher Prävention und Gesundheitsförderung. Dabei wollen wir Informationen und Fachkenntnisse auch über klassische Sektorengrenzen hinweg zusammenführen und gesundheitliche Bildung bereits in Kitas und Schulen stärken. Wissenschaftlich fundierte Gesundheitsinformationen sollen niedrigschwellig verfügbar sein.

Bei psychischen Erkrankungen bedeutet Prävention für uns insbesondere, früh anzusetzen. Die FDP Berlin setzt sich dafür ein, psychische Erkrankungen stärker zu entstigmatisieren, emotionale Kompetenzen von Kindern und Jugendlichen zu fördern und Pädagogen besser für psychische Erkrankungen und psychische Gewalt zu sensibilisieren. Schulpsychologische Angebote sollen ausgebaut werden.

Darüber hinaus wollen wir Beratungs- und Therapieangebote besser erreichbar machen und soziale und gesundheitliche Hilfen stärker miteinander verbinden. Gerade für junge Menschen sind Prävention im Schul- und Jugendkontext, digitale Beratungsangebote und ein möglichst früher Zugang zu professioneller Unterstützung wichtig.

Für uns gehört zu einer modernen Präventionspolitik deshalb beides: die Stärkung individueller Gesundheitskompetenz und ein Versorgungssystem, das Warnsignale früh erkennt und Hilfe anbietet, bevor aus einer Krise eine chronische Erkrankung wird.

SPD

Die SPD Berlin nimmt die angespannte psychotherapeutische Versorgung sehr ernst. Die im GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz beschlossene Budgetierung psychotherapeutischer Leistungen und die Streichung der Angemessenheitsprüfung lehnen wir ab. Auch der angekündigte Entschließungsantrag des Bundestages kann die dadurch entstandenen Einschnitte voraussichtlich nur teilweise ausgleichen.

Auf Landesebene wollen wir deshalb einen Masterplan psychische Gesundheit entwickeln, Hilfen besser koordinieren, Wartezeiten verkürzen und integrierte sowie niedrigschwellige Angebote ausbauen. Dazu gehören eine zentrale Lotsenstruktur, eine digitale Übersicht über Unterstützungsangebote, mehr Psychotherapie für Kinder und Jugendliche sowie der Ausbau von Kontakt- und Beratungsstellen. Für Kinder und Jugendliche wollen wir Anlaufstellen in seelischen Krisen ausbauen. Schulen sollen stärker zu Orten der psychischen Gesundheit werden. Dafür brauchen sie mehr Schulpsychologie, Schulsozialarbeit und Wissen über mentale Gesundheit. Gleichzeitig drängen wir die Kassenärztliche Vereinigung und den Bund auf eine Reform der Bedarfsplanung. Wir wollen außerdem mehr Weiterbildungsstellen im öffentlichen Gesundheitsdienst schaffen, Kliniken und Ausbildungsinstitute stärken, bewährte PEP-finanzierte Angebote sichern und weiterentwickeln sowie Prävention und Entstigmatisierung fördern. Psychotherapiepraxen sollen zudem als Teil der sozialen Infrastruktur durch eine Gewerbemietpreisbremse für Gesundheitseinrichtungen geschützt werden. Community Health Nurses sollen die Prävention vor Ort unterstützen und Zugänge zu Beratung und Hilfe verbessern. Prävention muss außerdem die unterschiedlichen Lebenslagen der Berliner*innen berücksichtigen und besonders Menschen erreichen, die bestehende Angebote bisher nur schwer nutzen.

Was halten Sie von einem sogenannten „Register für psychisch Erkrankte“?

CDU

Wir lehnen ein allgemeines Register für psychisch erkrankte Menschen ab. Die ärztliche und psychotherapeutische Schweigepflicht ist ein hohes Gut. Ein solches Register würde zu einer erheblichen Stigmatisierung führen und Menschen potenziell davon abhalten, dringend benötigte professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.

FDP

Ein personenbezogenes staatliches Register, in dem Menschen allein aufgrund einer psychischen Erkrankung zentral erfasst werden, lehnen wir ab. Eine psychiatrische oder psychotherapeutische Diagnose darf kein Anlass für eine pauschale staatliche Registrierung sein.

Unser Verständnis von Datenschutz und informationeller Selbstbestimmung ist eindeutig: Personenbezogene Daten dürfen nur dort verarbeitet und gespeichert werden, wo dies erforderlich, rechtlich legitimiert und verhältnismäßig ist. Gerade Gesundheitsdaten gehören zu den sensibelsten personenbezogenen Daten überhaupt und verdienen ein besonders hohes Schutzniveau.

Davon zu unterscheiden ist wissenschaftliche Registerforschung. Hier sehen wir erhebliche Chancen, wenn Daten konsequent anonymisiert oder pseudonymisiert, zweckgebunden verarbeitet und durch geeignete technische und institutionelle Schutzmechanismen abgesichert werden. Bessere Datengrundlagen können dazu beitragen, Versorgungsengpässe zu erkennen, Krankheitsverläufe besser zu verstehen und die Gesundheitsversorgung weiterzuentwickeln.

Unser Ansatz lautet deshalb: Forschung ermöglichen und Versorgungswissen verbessern, ohne daraus eine pauschale personenbezogene Erfassung psychisch erkrankter Menschen zu machen.

SPD

Eine psychische Erkrankung ist keine Gefährlichkeitsprognose und schon gar kein Vorwurf. Wer alle Menschen mit einer psychischen Diagnose unter Generalverdacht stellt, schürt Ängste und verstärkt Stigmatisierung. Das kann dazu führen, dass Betroffene aus Sorge vor Ausgrenzung später oder gar keine Hilfe suchen – und damit genau die Unterstützung versäumt wird, die präventiv wirken kann. Wir setzen deshalb auf wirksame Prävention, frühe Hilfe und gute Behandlung statt auf pauschale Erfassung. Dazu gehören niedrigschwellige Beratungsangebote, gut ausgestattete Sozialpsychiatrische Dienste, ausreichend Therapie- und Behandlungsplätze, aufsuchende Hilfen, verlässliche Krisendienste sowie eine enge Unterstützung von Angehörigen und dem sozialen Umfeld. Hilfe muss erreichbar sein, bevor Krisen eskalieren – unabhängig davon, ob jemand bereits eine Diagnose hat. Wir werden weiterhin daran arbeiten, die Strukturen in Berlin nachhaltig zu stärken.

Wir erleben, dass trotz nomineller Überversorgung die psychotherapeutische Versorgung nicht ausreicht und lange Wartezeiten das Risiko von Chronifizierung erhöhen. Was wollen Sie dafür tun, um die Versorgung psychisch erkrankter Menschen im Land Berlin zu verbessern?

CDU

Wir werden die psychotherapeutische Versorgung konsequent am tatsächlichen Bedarf ausrichten. Wir setzen uns nachdrücklich dafür ein, dass die Bedarfsplanung basierend auf den tatsächlichen Bedarfen neu erstellt wird. Nur durch eine realistische Planung lassen sich die bestehenden Versorgungsengpässe beseitigen und die Wartezeiten für die Patientinnen und Patienten deutlich verkürzen.

FDP

Wir teilen die Einschätzung, dass ein rechnerischer Versorgungsgrad allein keine hinreichende Aussage über die tatsächliche Versorgungssituation erlaubt. Entscheidend ist nicht, ob eine Planungsstatistik formal „Überversorgung“ ausweist, sondern ob Patienten mit medizinischem Bedarf innerhalb einer vertretbaren Zeit eine geeignete Behandlung erhalten.

Medizinischer Bedarf und ein Höchstmaß an Versorgungsqualität müssen für uns die entscheidenden Kriterien für die Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung sein. Wir setzen uns ausdrücklich dafür ein, Wartezeiten auf Therapieplätze zu reduzieren, den Ausbau von Therapieplätzen zu fördern und bessere Bedingungen für die Niederlassung von Psychotherapeuten zu schaffen.

Wir wollen außerdem die sektorenübergreifende Gesundheitsversorgung stärken. Ambulante und stationäre Angebote müssen besser ineinandergreifen, und neue Kooperationsformen zwischen Leistungserbringern sollen rechtssicher möglich sein. Gerade bei psychischen Erkrankungen sind verlässliche Versorgungsketten wichtig: vom niedrigschwelligen Erstkontakt über Akutbehandlung und Psychotherapie bis zu Rehabilitation und gegebenenfalls sozialer Unterstützung.

Eine Bedarfsplanung, die vorhandene Kapazitäten lediglich rechnerisch erfasst, tatsächliche Erreichbarkeit, Wartezeiten, Spezialisierungen und regionale Unterschiede jedoch nicht ausreichend berücksichtigt, greift aus unserer Sicht zu kurz. Bedarfsgerechte Versorgung muss sich stärker an der Versorgungsrealität orientieren.

Dazu gehört für uns auch, Niederlassungsbedingungen attraktiv zu gestalten, bürokratische Belastungen für Freie Berufe zurückzuführen und Leistungserbringern mehr Zeit für ihre eigentliche Arbeit mit Patienten zu geben. Psychotherapeuten gehören zu den Freien Berufen, deren fachliche Eigenverantwortung und persönliche Leistung wir ausdrücklich schützen und stärken wollen.

SPD

Die heutige Bedarfsplanung stammt im Kern aus den 1990er-Jahren und wird einer wachsenden und sich verändernden Stadt nicht mehr gerecht. Maßgeblich muss der tatsächliche psychotherapeutische Bedarf sein. Dafür müssen die Verhältniszahlen unter Einbeziehung psychotherapeutischer Expertise weiterentwickelt werden. Die SPD Berlin setzt sich für eine Reform der Bedarfsplanung ein. Ziel sind ausreichend psychotherapeutische Plätze in allen Bezirken, unter Berücksichtigung regionaler Unterschiede und der besonderen Situation der Außenbezirke. Ergänzend wollen wir integrierte Gesundheitszentren ausbauen, in denen medizinische, pflegerische und psychosoziale Angebote zusammenarbeiten. Community Health Nurses sollen Prävention und Gesundheitsförderung in allen Bezirken stärken. Der geplante Masterplan psychische Gesundheit soll Hilfen besser vernetzen, Wartezeiten verkürzen und die Versorgung neu ordnen. Ambulante, stationäre und psychosoziale Angebote müssen enger zusammenarbeiten. So entsteht eine erreichbare, wohnortnahe und am tatsächlichen Bedarf orientierte Versorgung.

 

Was wollen Sie dafür tun, die unhaltbaren Zustände im Maßregelvollzug im Land Berlin zu verbessern? Wie soll die psychotherapeutische Versorgung dort sichergestellt werden, auch um Rückfälle nach Entlassung zu vermeiden?

CDU

Die Situation im Maßregelvollzug erfordert konsequentes Handeln. Wir müssen die personellen und räumlichen Kapazitäten im Maßregelvollzug bedarfsgerecht ausbauen. Um Rückfälle zu vermeiden, ist eine kontinuierliche und qualitativ hochwertige psychotherapeutische und psychiatrische Behandlung der Untergebrachten unerlässlich. Dafür wollen wir die Arbeitsbedingungen verbessern, um qualifiziertes Fachpersonal für diese anspruchsvolle Aufgabe zu gewinnen und langfristig zu halten.

FDP

Wir teilen die Sorge hinsichtlich der Funktionsfähigkeit des Berliner Maßregelvollzugs. Wer dort untergebracht ist, hat Anspruch auf eine angemessene und menschenwürdige Behandlung. Gleichzeitig hat ein funktionierender Maßregelvollzug zentrale Bedeutung für die öffentliche Sicherheit.

Therapie und Sicherheit sind für uns dabei keine Gegensätze. Im Gegenteil: Eine erfolgreiche Behandlung und Rehabilitation sind wesentliche Voraussetzungen dafür, Rückfallrisiken dauerhaft zu reduzieren.

Dafür braucht es ausreichendes qualifiziertes medizinisches, psychotherapeutisches und pflegerisches Personal, geeignete Behandlungsstrukturen und eine institutionelle Organisation, die therapeutische Arbeit tatsächlich ermöglicht. Personalengpässe dürfen nicht dazu führen, dass notwendige Therapie faktisch ausfällt oder Untergebrachte lediglich verwahrt werden.

Ebenso wichtig ist die Anschlussversorgung. Der Übergang aus einer hochstrukturierten Einrichtung in die ambulante Versorgung darf nicht zum Bruch in der Behandlungskette werden. Entlassmanagement, psychotherapeutische Weiterbehandlung und soziale Unterstützung müssen deshalb frühzeitig geplant und aufeinander abgestimmt werden.

Unser Ziel muss sein, Behandlungserfolge über die Entlassung hinaus zu sichern. Das dient sowohl den Betroffenen als auch der Allgemeinheit. Eine verlässliche medizinisch-psychologische Nachsorge ist deshalb ein wichtiger Bestandteil erfolgreicher Resozialisierung und Rückfallprävention.

SPD

Der Maßregelvollzug ist Teil unserer Verantwortung für Sicherheit und Gesundheit. Die Situation dort ist sowohl für PatientInnen als auch Beschäftigte sehr schwierig. Hier muss mit ganzer Kraft an weiterer Entlastung gearbeitet werden. Mit dem neuen Standort für den Maßregelvollzug wurde ein wichtiger Meilenstein des Masterplans KMV 2040 umgesetzt. Dadurch hat sich die räumliche Situation für Patient*innen und Mitarbeitende bereits etwas verbessert. Trotzdem reicht diese noch nicht aus und muss weiter an zusätzlichen Plätzen gearbeitet werden. Im Parlament setzen wir uns für verbindliche Kriterien bei Unterbringung und Verlegung, klare Fallverantwortung und transparente Verfahren ein. Die SPD Berlin will außerdem die Schnittstellen zur Gemeindepsychiatrie stärken, damit Übergänge nach der Entlassung gelingen und Rückfälle verhindert werden. Eine ausreichende personelle Ausstattung ist dafür ebenso notwendig wie eine kontinuierliche psychotherapeutische und psychosoziale Versorgung. Außerdem sollen Entlassungsmanagement, Gemeindepsychiatrie, Suchtberatung und Wohnungslosenhilfe verbindlich zusammenarbeiten.

 

Die diesjährigen Hitzewellen haben deutlich gezeigt, dass Berlin noch nicht ansatzweise auf die zunehmenden Extremwetterereignisse durch den Klimawandel vorbereitet ist. Wie werden Sie sich dafür einsetzen, dass die Bevölkerung vor körperlichen und psychischen Schäden geschützt wird?

CDU

Wir sehen uns in der Verantwortung, die Schöpfung zu bewahren, und verstehen Nachhaltigkeit umfassend. Daher muss der Hitze- und Gesundheitsschutz in Berlin konsequent ausgebaut werden. Dazu gehören unter anderem die Umsetzung und Weiterentwicklung von Hitzeschutzplänen, insbesondere für vulnerable Gruppen in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern sowie städtebauliche Maßnahmen wie die Entsiegelung von Flächen und die Schaffung von mehr Grün- und Kühlungszonen im städtischen Raum.

FDP

Wir teilen die Einschätzung, dass Berlin seine Widerstandsfähigkeit gegenüber Hitze, Starkregen und anderen Extremwetterlagen deutlich verbessern muss. Klimaanpassung ist für eine Großstadt keine abstrakte Umweltfrage, sondern betrifft unmittelbar Gesundheitsschutz, Stadtplanung, Katastrophenschutz und kritische Infrastruktur.

Wir wollen Berlin konsequent nach dem Prinzip der Schwammstadt weiterentwickeln. Regenwasser soll stärker aufgenommen, gespeichert und in Trockenperioden verfügbar gemacht werden. Stadtbäume und andere Grünstrukturen leisten einen wichtigen Beitrag zur natürlichen Kühlung. Auch begrünte Fassaden, Dachbegrünung und zusätzliche kleinräumige Grünflächen können Belastungen durch städtische Hitze reduzieren.

Dabei geht es ausdrücklich nicht nur um bauliche Maßnahmen. Berlin braucht einen funktionierenden Katastrophenschutz mit klaren Zuständigkeiten, einem leistungsfähigen Lagebild, verbindlichen Standards und regelmäßigen Übungen. Extremwetter gehört zu den Krisenlagen, auf die sich die Stadt systematisch vorbereiten muss.

Beim gesundheitlichen Hitzeschutz müssen besonders gefährdete Menschen im Mittelpunkt stehen – etwa ältere oder pflegebedürftige Menschen, chronisch Erkrankte, Kinder und Menschen ohne Wohnung. Dabei sind körperliche und psychische Auswirkungen gleichermaßen ernst zu nehmen.

Hitzevorsorge darf aus unserer Sicht nicht erst beginnen, wenn für den nächsten Tag Temperaturen über 35 Grad angekündigt werden. Sie muss dauerhaft in Stadtplanung, Gesundheitsvorsorge, Pflege, soziale Infrastruktur und Krisenmanagement integriert werden.

SPD

Die Kälte- und Hitzehilfe bauen wir gezielt aus und stellen sicher, dass ausreichend barrierefreie Plätze und Tagesangebote vorhanden sind. Damit wollen wir bedürftige Menschen bei Wetterextremen besser schützen. Wir gestalten Plätze und Straßen so, dass Menschen dort gern verweilen und sich sicher fühlen – und dass zugleich Lebensräume für Stadtnatur und Tiere entstehen. Mini-Parks und wohnortnahe Grünflächen schaffen Abkühlung in fußläufiger Entfernung. Wir handeln zuerst dort, wo Hitze, Lärm, Luftbelastung, Grünmangel und soziale Belastungen zusammenkommen. Wir freuen uns, wenn wir den Austausch mit Ihnen zu diesem wichtigen Themenbereich künftig weiter ausbauen.

 

Bundesebene: Wie werden Sie sich im Bundesrat für folgende Themen einsetzen?

Werden Sie sich dafür einsetzen, dass in einem Primärversorgungssystem das Erstzugangsrecht zur Psychotherapie bestehen bleibt?

CDU

Wir stehen für eine starke ambulante und fachärztliche Versorgung vor Ort. Ein niedrigschwelliger und direkter Zugang ist entscheidend, um psychische Erkrankungen frühzeitig diagnostizieren und behandeln zu können, bevor sie sich chronifizieren.

FDP

Wir stehen für einen möglichst niedrigschwelligen und bedarfsgerechten Zugang zur Gesundheitsversorgung. Menschen mit psychotherapeutischem Behandlungsbedarf müssen schnell bei der fachlich richtigen Versorgung ankommen.

Ein Primärversorgungssystem kann sinnvoll sein, wenn es Behandlung besser koordiniert, unnötige Doppelstrukturen vermeidet und Patienten schneller zur richtigen Versorgung führt. Es darf aber nicht dazu führen, dass Menschen mit erkennbarem psychotherapeutischem Behandlungsbedarf zunächst zusätzliche obligatorische Stationen durchlaufen und sich dadurch der Therapiebeginn verzögert.

Gerade bei psychischen Erkrankungen können zusätzliche Zugangshürden problematisch sein. Wer bereit ist, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, sollte nicht durch unnötige Umwege davon abgehalten werden.

Für uns wäre deshalb bei einer bundesrechtlichen Neuregelung entscheidend, dass Koordination den Zugang verbessert und nicht zur neuen Zugangshürde wird. Das Erstzugangsrecht zur Psychotherapie sollte aus unserer Sicht erhalten bleiben.

SPD

Ja. Gerade bei psychischen Erkrankungen sollte die Hemm- und Zugangsschwelle so niedrig wie möglich sein.

 

Was halten Sie davon, künstliche Intelligenz in der psychotherapeutischen Ersteinschätzung einzusetzen? Wer sollte Zugriff auf diese Daten erhalten?

CDU

Berlin wird smart, und wir stehen der Digitalisierung im Gesundheitswesen offen gegenüber, sofern sie den Menschen dient. Künstliche Intelligenz kann als unterstützendes Werkzeug bei der Ersteinschätzung oder der administrativen Entlastung sinnvoll sein. Die abschließende diagnostische und therapeutische Entscheidung muss jedoch immer bei den behandelnden Fachkräften liegen. Der Zugriff auf diese hochsensiblen Gesundheitsdaten darf unter strengsten Datenschutzvorgaben ausschließlich den behandelnden Personen und den Patientinnen und Patienten selbst vorbehalten sein.

FDP

Wir sehen in künstlicher Intelligenz große Chancen für eine bessere Gesundheitsversorgung, allerdings gerade im psychotherapeutischen Bereich nur unter klaren fachlichen und datenschutzrechtlichen Grenzen.

Eine KI-gestützte Ersteinschätzung kann unterstützend sinnvoll sein, beispielsweise zur strukturierten Erfassung von Angaben, zur Vorbereitung eines Gesprächs oder zur schnelleren Identifikation eines dringenden Behandlungsbedarfs. Auch bei administrativen Abläufen und der besseren Steuerung von Versorgungspfaden kann KI einen Beitrag leisten.

Sie darf aber keine eigenverantwortliche fachliche Diagnostik und insbesondere keine therapeutische Entscheidung ersetzen. Bei psychischen Erkrankungen sind Kontext, Beziehung, klinische Erfahrung und individuelle Bewertung von besonderer Bedeutung. Die Verantwortung muss deshalb bei qualifizierten Fachkräften bleiben.

Besonders hohe Anforderungen stellen wir an die Verarbeitung der dabei entstehenden Daten. Gesundheitsdaten sind hochsensibel. Zugriff auf personenbezogene Daten sollten grundsätzlich nur der Patient selbst und diejenigen Behandler beziehungsweise Stellen erhalten, die diese Informationen für den konkret vereinbarten Behandlungs- oder Versorgungszweck benötigen und dazu rechtlich befugt sind.

Eine darüber hinausgehende Nutzung, insbesondere zu Forschungszwecken, verlangt klare rechtliche Rahmenbedingungen, eine verlässliche Zweckbindung und geeignete technische Schutzmaßnahmen. Wo immer möglich, müssen Daten anonymisiert oder pseudonymisiert werden.

Eine kommerzielle oder staatliche Sammlung psychotherapeutischer Gesprächs- und Einschätzungsdaten ohne eng begrenzten Zweck lehnen wir ab.

Unser Grundsatz beim Einsatz von KI im Gesundheitswesen lautet: Technologie soll Menschen unterstützen und Freiräume schaffen, aber menschliche Verantwortung nicht ersetzen. Genau dieses Verständnis von technologischem Fortschritt ist auch in unserem Wahlprogramm verankert.

SPD

Künstliche Intelligenz ersetzt keine professionelle Therapie, aber kann bei der Überbrückung von Wartezeiten oder durch Online-Programme unterstützen. Entsprechende Apps müssen wissenschaftlich fundiert und nach medizinischen Standards zugelassen sein und den Datenschutz wahren. Auch beim Thema Ersteinschätzung gilt wie immer bei der Nutzung von KI: Der Mensch trägt immer die vollständige und unumstrittene Verantwortung. Fehleinschätzungen können gravierende gesundheitliche Folgen haben. Deshalb sind das persönliche Gespräch, die fachliche Einordnung und die klinische Erfahrung von Psychotherapeut*innen unverzichtbar, um eine passende Behandlung zu bestimmen. Damit persönliche und nicht-digitale psychotherapeutische Angebote dort entstehen, wo sie gebraucht werden und sich die tatsächliche Versorgung verbessert, setzt sich die SPD Berlin für eine Reform der Bedarfsplanung ein.

 

Inwiefern werden Sie sich dafür einsetzen, dass es zeitnah eine gesonderte Bedarfsplanung für die psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen geben wird?

CDU

Wir setzten uns generell dafür ein, dass die Bedarfsplanung basierend auf tatsächlichen Bedarfen neu erstellt wird. Da Kinder und Jugendliche heute unter wachsendem sozialem und psychischem Druck stehen, was wir unter anderem mit einem Landesprogramm für Mental Health adressieren, ist eine spezifische und gesonderte Betrachtung der Bedarfe von Kindern und Jugendlichen innerhalb dieser Neuplanung zwingend erforderlich, um passgenaue und schnelle Versorgungsstrukturen zu schaffen.

FDP

Kinder und Jugendliche brauchen eine Bedarfsplanung, die ihre tatsächliche Versorgungssituation präzise abbildet. Gerade in diesem Bereich reichen aggregierte rechnerische Versorgungsgrade aus unserer Sicht nicht aus.

Altersstruktur, regionale Verteilung, tatsächliche Wartezeiten, Spezialisierungen, soziale Belastungslagen und die Erreichbarkeit geeigneter Therapieangebote müssen berücksichtigt werden. Auch die Versorgungslage von Kindern und Jugendlichen unterscheidet sich strukturell von derjenigen erwachsener Patienten.

Deshalb unterstützen wir eine Weiterentwicklung der Bedarfsplanung, die die psychotherapeutische Versorgung von Kindern und Jugendlichen gesondert und sachgerecht abbildet. Eine solche differenzierte Betrachtung kann dazu beitragen, Versorgungslücken früher zu identifizieren und Niederlassungsmöglichkeiten dort zu schaffen, wo tatsächlich Bedarf besteht.

Dabei ist für uns entscheidend, dass eine neue Planungsmethodik nicht lediglich zusätzliche Bürokratie produziert. Sie muss einen nachweisbaren Beitrag zur Versorgung leisten. Maßstab sollte sein, ob Kinder und Jugendliche mit psychotherapeutischem Behandlungsbedarf schneller einen geeigneten Therapieplatz erhalten.

Ergänzend müssen wir früher ansetzen: durch Prävention, stärkere schulpsychologische Angebote, bessere Sensibilisierung für psychische Erkrankungen und belastbare Übergänge zwischen Jugendhilfe, Schule, ambulanten Angeboten und dem Gesundheitssystem.

SPD

Die heutige Bedarfsplanung stammt im Kern aus den 1990er-Jahren und bildet die Realität einer wachsenden und sich verändernden Stadt nicht ausreichend ab. Im Mittelpunkt einer Bedarfsplanung muss endlich stehen, wie hoch der tatsächliche psychotherapeutische Bedarf ist. Die Verhältniszahlen müssen weiterentwickelt werden unter Einbezug psychotherapeutischer Expertise. Der Bund muss gemeinsam mit Krankenkassen, Gemeinsamen Bundesausschuss und Kassenärztlicher Bundesvereinigung sicherstellen, dass psychotherapeutische Angebote dort entstehen, wo sie gebraucht werden – besonders für Kinder und Jugendliche. Ihr Bedarf muss endlich mit einer eigenen Bedarfsplanungsgruppe gesondert berücksichtigt werden und den tatsächlichen Bedarf abbilden. Dazu sind wir bereits im engen Austausch mit unseren Bundestagsabgeordneten und fordern, dass der Koalitionsvertrag Bund an der Stelle endlich umgesetzt wird. Hier werden wir den Druck erhöhen.

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